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Bildung - Wege zu Neuem Denken gesucht

Vorwort

Wann immer - und dies in täglich zunehmendem Maße - auf Kongressen und Foren, in den Medien und vor allem in politischen Reden - von Bildung die Rede ist, beschleicht einen das Gefühl, daß die darüber Diskutierenden oftmals auf völlig unterschiedlichen Ebenen und über gänzlich andere Sachverhalte sprechen. Da ist von Bildungsstandorten, Bildungsschwächen und Bildungsrückständen, ja sogar einem Bildungsnotstand die Rede. Dabei zeigen sich die darauf Hinweisenden immer von arger Sorge um Deutschland, den bundesdeutschen Nachwuchs, die Chancen der bundesdeutschen Wirtschaft und die Zukunft unseres Landes gebeutelt.

Alarmieren muß vor allem die Tatsache, daß nach Schätzungen der OECD und anderer Institute in Deutschland rund vier Millionen sog. "funktionale Analphabeten" im Alter von über 15 Jahren leben, denen, wie der Generalsekretär der deutschen UNESCO-Kommission, Traugold Schöfthaler, feststellt, "die Grundqualifikation dafür fehlt, in unserer Gesellschaft mitarbeiten zu können". Hingegen besuchten 1997 nur etwa 20.000 dieser "funktionalen Analphabeten" Alpha-betisierungskurse der Volkshochschulen. Rund 25 % der Kinder im Vorschulalter weisen nach Untersuchungen des Erziehungswissenschaftlers Professor Rainer H. Lehmann und Professor Ring von der Stiftung Lesen "klinisch manifestierte Sprachstörungen" auf - vor zehn Jahren waren es erst 4 %.
1997 wendete die Bundesanstalt für Arbeit 850 Millionen Mark dafür auf, "Lernschwache" ausbildungsreif zu machen. Etwa 15 % aller Lehrstellen-Bewerber seien schon heute schlicht nicht mehr vermittelbar. Zwar sind, so Frau Dr. Helga Herrmann vom Institut der Deutschen Wirtschaft, "eine große Zahl der Analphabeten ausländische schulpflichtige Kinder, die in ihrer Heimat keine Schule besucht haben und mit der Zuwandererwelle nach Deutschland gekommen sind" und nach Untersuchungen von Prof. Lehmann nehmen sich Kinder und Jugendliche pro Tag nur noch etwa 21 Minuten ihrer Zeit, um zu lesen (1990 lag der Schnitt noch bei etwas über einer halben Stunde), all dies wirft jedoch ein trauriges Bild auf die deutsche Bildungssituation - ein Land, in dem bereits 1844 die Schulpflicht eingeführt wurde, in dem mehr als 50.000 Schulen mit über 700.000 Lehrern für rund 12 Millionen Schüler zur Verfügung stehen und Eltern jähr-lich etwa 1,6 Milliarden Mark für Nachhilfeunterricht ausgeben. Dennoch verlassen Jahr für Jahr 30.000 junge Hauptschüler - mehr als 12 % - die Schulen ohne ausreichende Grundkennt-nisse in Lesen, Schreiben und Rechnen.

Wenn aber in der Bevölkerung - vor allem bei der Jugend - in derart gravierender Weise selbst die fundamentalen Kulturtechniken fehlen, Menschen ab dem Verlassen der Schule binnen weniger Jahre die ehedem erlernten Fähigkeiten des Lesens und Schreibens mangels Übung vergessen und etwa 15 % aller Deutschen "hart an der Grenze zum funktionalen Analphabetis-mus stehen", so Prof. Ring, ist es hohe Zeit, diese zumeist schamhaft verschwiegenen Tatsachen in die Diskussion um Neue Wege in der Bildung und eine seit Jahren diskutierte Bildungsreform einfließen zu lassen.
Vielleicht sollte man zur allgemeinen Klarheit und zur Entkrampfung der Diskussion um diesen Begriff einmal genauer beleuchten, was Bildung eigentlich wirklich ist und welcher Voraussetzungen sie bedarf...

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