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4. Die Krise kam auf leisen Sohlen

Erst nach 30 Jahren - Mitte der 70er Jahre - wurden nämlich allmählich Fehler des Systems offensichtlich, die jedoch von allen Parteien substantiell vernachlässigt und in völliger Verkennung der wirklichen Ursachen verniedlicht wurden. Die (partei-i-)politischen Gegensätze wurden auf beinahe bedeutungslosen "Nebenkriegsschauplätzen" und vornehmlich in personellen "Schaukämpfen" ausge-tragen. So blieben die auf den Staatshaushalt zukommenden Folgelasten aus der bruttobezogenen Rentenanpassung ebenso unbeachtet wie die Sozialabgabenfreiheit der Beamten, die sich nach und nach zu dreistelligen Milliardenbeträgen an Folge-kosten auftürmten. Bedenkenlos wurden veraltete Technologien und ganze Branchen durch Subventionen am Leben erhalten - nur weil man sich dies eben noch leisten zu können glaubte. Vermieden wurde dadurch politischer Ärger und die Gefährdung des nächsten Wahlsieges. So waren die Stahlarbeiter an Rhein und Ruhr dankbar, wenn sich Politiker für die Wahrung ihrer Arbeitsplätze aussprachen. Wer den extrem teuren Erhalt ihrer Arbeitsplätze später bezahlen sollte, war ihnen und ihrer Gewerkschaft nie wichtig.
Fast unvorstellbar: Seit Jahren werden die Arbeitsplätze im bundesdeutschen Berg-bau mit Zuschüssen am Leben erhalten, die über den Einkommen der im Bergbau Beschäftigten liegen (durchschnittlich mehr als 75.000 DM pro Arbeitsplatz und Jahr) - eine in der Privatwirtschaft nicht vorstellbare Tatsache, die den Wahnsinn des bundesdeutschen "Sozialstaates" erahnen läßt.
Auch im Saarland denkt heute kaum jemand darüber nach, wem dieses Land den höchsten Verschuldungsgrad aller bundesdeutscher Länder verdankt - Hauptsache war den Saarländern wohl, den geschmeidigen Hedonisten Lafontaine an ihrer Spitze zu wissen, der nicht müde wurde, eigenes Handeln zu loben und drohende Fährnisse dem politischen Gegner zuzuschreiben.
In Hamburg und Bremen war man in beinahe englischer Manier stolz auf die Vergangenheit, Berlin wurde ohnehin mit täglich mehr als 17 Millionen subventio-niert - woran schon im Hinblick auf die bundesdeutsche Teilung und den traditionel-len Status der Exklave der ehemaligen Hauptstadt kein Politiker zu rütteln wagte, zumal gerade in Berlin sich die Politiker aller Parteien in sorgsam gepflegter Kunge-lei gegenseitig die Butter aufs Brot schmierten und jeder jedem "die Hände wusch".
Bayern und Baden-Württemberg waren fest in "schwarzer" Hand - von politischen Platzhirschen dominiert warteten sie nahezu jährlich mit neuen Erfolgszahlen auf. Wen kümmerte da schon groß, in welch' "nützlicher Weise" die politischen Prota-gonisten mit den ansässigen Industriebetrieben "zusammenarbeiteten"?
Kurz: Trotz bereits dräuender wirtschaftlicher und sozialer Gewitterwolken lavierten Parteien und Politiker geschickt auf Bundestags- und Bundesratsebene - stets auf der Hut, sich gegenseitig nicht allzusehr das Gesicht zu zerkratzen. Der politisch längst entmündigte Bürger wähnte sich noch immer auf seinem "Platz an der Sonne". Er genoß die tariflich erstrittenen Arbeitszeitverkürzungen und Lohnzuwächse, die inzwischen auf 5 Tage wöchentlich verkürzte Arbeitszeit und den weltweit längsten Urlaub an sonnigen Stränden. Man war stolz auf die starke Deutschmark und genoß den Neid des Auslandes und den steigenden Wohlstand im Inland.
Die Achse "Industrie-Politik" funktionierte prächtig; die Großkonzerne garantierten Arbeitsplätze und immer neue Außenhandelsüberschüsse. Der Export (u.a. von technisch hochwertigen Waffen) sicherte Deutschlands Einfluß auf internationaler Bühne. Im Gegenzug wurde gerade der Großindustrie mit üppigen Subventionen unter die Arme gegriffen, was wiederum mit Spenden praktisch aller Konzerne an alle Parteien belohnt wurde.
Als Dritte im Bunde lavierten die Gewerkschaften geschickt (und vornehmlich eige-nem Machterhalt und -ausbau dienend) auf der bundesdeutschen Politbühne. Ab und zu mischte auch noch der Klerus mit. Er sicherte sich Einfluß und die Zugehörigkeit im Machtkartell durch diverse "Connections" - Geheimbünde, deren Mitglieder in erheblichem Maße Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft (mithin an den Hebeln
der Macht) innehatten. So findet sich in den Reihen des "Opus Dei" sowie der "Ritter vom heiligen Grabe zu Jerusalem" sowie etwa zwei Dutzend weiterer Laienbünde, Logen und Vatikan-naher Organisationen ein wahres "Who is who" der bundesdeutschen Wirtschaft. Nicht ganz vergessen werden darf ja, daß die Kirchen - vor allem die römisch-katholische - nach der öffentlichen Hand die bedeutendsten Großgrundbesitzer in Deutschland repräsentieren und sogar - mit dem Grundgesetz kaum vereinbar - über eine eigene Sozialgerichtsbarkeit verfügen. Dem Bürger wird suggeriert, daß er den Kirchen einen Großteil der Sozialeinrichtungen und karitati-ven Institionen zu verdanken hat. Daß diese in erheblichem Maße aus Steuermitteln subventioniert werden und mit vielerlei Steuerbegünstigungen gesegnet sind, die aus den Kassen der Steuerzahler bezahlt werden, bleibt dabei unerwähnt.
Hauptsächliche Steuerzahler waren und sind Mittelstand und (klein)gewerbliches Unternehmertum, Freiberufliche und Selbständige, die zwischen den "Mühlsteinen" der Arbeitgeberverbände (in denen sie nie eine Rolle spielten) und der Gewerkschaf-ten immer mehr zerrieben wurden. Wen kümmert schon groß, wenn ein kleiner Handwerksbetrieb, eine Freiberufler-Existenz oder ein Gewerbetreibender aufgeben mußte, Tante-Emma-Läden schlossen oder ein Zulieferbetrieb mit fünf Angestellten pleite ging?

Die großen Wählerpotentiale, die politische "Manövriermasse" lag stets andernorts; große Unternehmen mit Zehntausenden von Beschäftigten, Gewerkschaften mit Millionen an Mitgliedern und in internationale Interessensgeflechte eingebettete Polit-Fürsten bestimmten das Geschehen und erpreßten sich munter gegenseitig - ohne Skrupel und vor allem ohne persönliche Risiken; die Abfindungen der Vorstände von Konzernen wie auch von Gewerkschaftsführern und Staatssekretä-ren, Abgeordneten und Ministern in Deutschland zählen weltweit zu den höchsten. Nur in extrem seltenen Fällen können diese Spitzenvertreter des Machtkartells persönlich belangt und zur Verantwortung gezogen werden - sie müssen sich in ihrem Machthunger und aus persönlicher Profitgier schon extrem dumm verhalten, um nicht entsprechend wohldotiert und ungestraft entweder auf höhere Posten (notfalls nach Brüssel) abgeschoben oder in den vorzeitigen Ruhestand versetzt zu werden.
An diesem Szenario hat sich bis heute nichts geändert.

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